Psychiater, Tagesklinik & Erziehungsmaßnahmen bei Schulangst oder Traumatisierung durch Lehrer – wirklich „zum Wohle des Kindes“?

Heute morgen erreichte mich mal wieder eine allzu typische Geschichte, die eine Mutter mit ihrem Sohn – beide hochsensibel – mit Schule und Tagesklinik erlebt hat.

Und je mehr dieser Geschichten ich entweder in Foren lese oder persönlich erzählt bzw. mit-bekomme und dazu meine eigenen Erfahrungen dazunehme, die ich selbst in einem äußerst schockierenden und mich damals zutiefst verstörenden Praktikum in einer Jugendpsychiatrie erlebt hatte, dann drängt sich mir immer mehr die Frage auf, ob viele Kinder in diesen Einrichtungen, die angeblich zu deren Wohl und zu deren großen Heil sein soll, nicht viel mehr geschädigt werden.

Vor allem, wenn sie hauptsächlich deswegen dort gelandet sind, weil sie in der Schule unbequem geworden sind oder aus bürokratischen Gründen in der Kategorie „Psychofall(e)“ landen.

Zunächst zu meiner eindrücklichen Erfahrung als Praktikantin in einer Jugendpsychiatrie

Es war kurz nach meinem Fachabi und zu meiner Berufs-Orientierung. Da ich noch nicht wusste, was ich eigentlich machen soll, habe ich ein Praktikum in einer Kinder- u. Jugendpsychiatrie angetreten. Meine Affinität und gute Verbindung zu jungen Menschen hatte ich damals schon und ich ging mit der Vorstellung da rein, dass es schließlich ein Ort ist, wo Jugendlichen „geholfen“ wird. In diesem Fall eindeutig: Pustekuchen! Das Gegenteil schien der Fall zu sein. Es kam mir vor wie der letzte Hammer auf den Kopf für die Jugendlichen und konnte nicht glauben, was ich sah.

Der Stationsleiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie weihte mich zu Beginn ein mit den Worten „Also Du kannst Dich gleich mal darauf einstellen, dass die meisten von den Kids hier den IQ einer Coladose haben. Und im Grunde kommt hier keiner besser raus als rein“. Das mit dem IQ einer Coladose empfand ich nicht so und fand es echt unverschämt wie er über seine Schutzbefohlenen spricht, aber okay.

Strafen, Sanktionen, Konsequenzen … waren offenbar die Lieblingsbeschäftigung der meisten Pädagogen und der Psychiaterin. Nur mit dem jungen, ebenso jugendfreundlichen Zivi mit Rastalocken war ich mir ziemlich einig, was hier eigentlich falsch läuft und was die ganzen alt eingesessenen „Pädagogen“ und „Psychiater“ da mit den jungen Patienten teilweise anstellen.

Meistens verstand ich nicht mal, was der bestrafte und zurechtgewiesene Jugendliche  jetzt schon wieder schlimmes angestellt haben soll. Es wurde hysterisch auf kleinste Kleinigkeiten reagiert – nichts bliebt ungesühnt. Grenzen, Konsequenzen, Regeln – bis zum Exzess bei so gut wie kein Respekt vor Jugendlichen, teilweise nicht mal pädagogisch-aufgesetzter Respekt, was ja immerhin etwas gewesen wäre – von Wertschätzung, Augenhöhe und Ganzheitlichkeit ganz zu Schweigen.

Dank dieser Pädagogen und Psychiater und deren Einfluss auf die jungen Menschen werden garantiert auch andere Berufszweige keinesfalls arbeitslos, schwante mir… Wahnsinn!

Hundert mal schreiben „Ich darf nicht auf das Zimmer von jemand anderem gehen“. Schön. So stellt man sich eine Heilbehandlung ohnehin schon genügend traktierter und emotional vernachlässigter Jugendlicher vor – da wunderte mich nicht mehr, dass sie „nicht besser raus als rein“ kommen. Ob das wirklich an den jungen Patienten lag?

Nach dem Mittagessen in der Konferenz wurde von Pädagogen und Psychiaterin über die Jugendlichen gelästert, wie ich es noch von keinem Jugendlichen in der Form erlebt habe.

Ich flog nach wenigen Wochen, die eindrucksvoll genug waren, in hohem Bogen raus, weil ich mit den Jugendlichen „kooperiert“ hätte sie nicht bestraft habe, sie nicht dazu gezwungen habe beim Mittagessen „alles wenigstens zu probieren“. 

Ja, ich hatte mit ihnen (bis auf ein Mädchen, was mich fdamals echt getriggert hatte) keinen Stress, habe mit ihnen wie mit ganz normalen Menschen auf Augenhöhe gesprochen, sie nicht verurteilt und mich für sie interessiert.

Und ich war erstaunt, wie für meine Begriffe „gesund“ manche gemessen an den unglaublichen Biografien, die ich in deren Akte nachgelesen hatte, geblieben sind. Daraus machte ich, die anfangs noch dachte, dass das Personal eben betriebsblind sein muss und doch den Jugendlichen helfen wollen muss, kein Geheimnis.

Gegenüber einer Heilerziehungspflegerin, die ich eigentlich noch für vertrauenswürdig gehalten hatte, ernsthaft hinterfragt hatte, ob es denn  kein Wunder sei, dass die Jugendlichen angeblich nicht „besser raus als rein“ kommen aus dieser Anstalt, wenn man so mit ihnen umgeht und ich nicht verstehe, warum die so schickaniert werden wegen NICHTS. Soweit so gut.

In meinem folgenden Artikel geht es mir speziell übrigens nicht (!) um diejenigen, die akut selbstmordgefährdet oder sonstwie selbst- oder fremdgefährdend sind (was sehr bedauerlich, aber hier kein Thema ist).

Ich spreche insbesondere davon, wie es schon vielen hochsensiblen Kindern ergangen ist, die lediglich für die Schule unbequem geworden sind, deren Eltern sie so einfühlsam und rücksichtsvoll wie möglich behandeln, aber durch ein Zusammenspiel aus traumatischen Erlebnissen in der Schule evtl. gepaart mit gewissen Anfälligkeiten durch das Familiensystem, in einer Spirale aus Erziehungsmaßnahmen, zweifelhaften pädagogischen Empfehlungen, Empathielosigkeit, Deckung traumatisierender Lehrkräfte durch die Schulleitung und Diagnose- bzw. Therapiedruck durch die Schule landen, die – bei immer „Mehr desselben“ auch immer schlimmer wird.

Ein Faktor sind eben auch die Eltern, die hier durch diesen großen Stress paralysiert in einen Sog geraten, bei dem sie leicht zu unbewussten Entscheidungen und Taten verleitet werden können, die sie schwer bereuen.

So auch eine Klientin von mir, die wider ihrer Natur auf Empfehlungen einer (nach krankenkassenverordnung handelnden) Psychiatiaterin hin, ihren schulverweigernden Sohn anfangs noch mit Gewalt in die Schule bugsierte, aber nach wenigen Wochen zur Besinnung kam, dass dies in eine Sackgasse führt und sie nach einer gewaltfreien sowie würdevollen Lösung sucht. Daraufhin kündigte ihnen die Psychiaterin, die laut den beiden die Mutter gegen den Sohn ausgespielt hat, die weitere Unterstützung und sie mussten einen individuelleren Weg finden, um damit umzugehen.

Wichtiger Hinweis

Bevor ich weiterschreibe möchte ich hier noch etwas Wichtiges anmerken: In diesem Blogartikel gebe ich keine konkreten Empfehlungen, da es sich hier um eine sehr individuelle und auch wichtige Angelegenheit handelt, die mit Bedacht und hoher Verantwortung zu behandeln ist und möchte – vor Allem bei Gefahr im Verzug – schon gar nicht davon abraten, im Zweifelsfall erstmal einen Arzt oder Therapeuten aufzusuchen.

Ich möchte Eltern, die wohl meistens beste Absichten verfolgen, viel mehr dazu inspirieren, wirklich genau hinzuschauen, auf das eigene Bauchgefühl zu hören, genau zu hinterfragen und die Augen auch für wirklich gute Lösungen offen zu halten, statt jedem Druck gleich nachzugeben.

Typische Geschichte eines von der Lehrerin traumatisierten Kindes, das schon unheilsame Klinikerfahrungen gesammelt hatte – und es ist noch vergleichsweise „harmlos“

In der ausführlichen Email, die mir eine Mutter heute morgen schickte, berichtete sie:

„Chris* (Name geändert) war schon immer ein hochsensibles Kind und wurde vorletztes Jahr von einer Lehrerin dazu förmlich vergewaltigt, einen Vortrag vor der Klasse zu halten. Durch die bedrängende Situation, in die er durch diesen Zwang kam, flüchtete er voller Panik aus der Schule und schlug seinen Kopf gegen die Mauer, bis er blutete.

Ich habe ihn erstmal daheim behalten und beruhigt. Er war völlig außer sich. Selbst als ich der Lehrerin davon erzählte, ging sie unbeirrt weiter und wollte, dass er vorträgt. Ich habe gekämpft. Schulleitung war aufgrund von Burnout keine mehr da. Es war ein Desaster und Chris* landete in einer schlimmen Abwärtsspirale, zumal die Lehrerin nicht aufhörte, ihn zu traktieren. 

Auch mein Mann dachte anfangs – ähnlich wie die Lehrerin – noch, er muss unserem Kind zusätzlich noch Druck machen, vor der Klasse Vorträge zu halten, hat es aber irgendwann gottseidank kapiert, dass Druck mehr als kontraproduktiv ist und ihm eher geschadet als genützt hat. 

Dann ging ich mit Chris* – im Glauben, das sei eine Unterstützung – zur Abklärung in die Tagesklinik. Da auch ich total überfordert war durch diese Situation, wusste ich gar nicht, was ich sonst machen sollte. 

(…) 

Dann war Chris* 3 Monate in der Tagesklinik, wo ich wirklich dachte, da würde ihm geholfen. Tja… naja… bis ich gemerkt habe, dass  das eher nicht der Fall ist. Ein Erlebnis vergesse ich nie – soviel zur Augenhöhe und Kinder mit Respekt behandeln… Ich werde jetzt noch wütend wenn ich daran denke:

Eines Morgens wollte Chris* partout nicht in die Tagesklinik, weil er dann zu einer bestimmten Therapeutin hätte müssen… da war die Woche zuvor ein Vorfall, wo sie ziemlich schroff zu ihm war, weil er nicht standesgemäß „Guten Tag Frau sowieso“ sagte … sie wollte es erzwingen und da machte er gleich dicht. Zur Strafe schickte sie ihn dann laut Chris* Berichten auf die Station. 

Ich war entschlossen, die Situation zu klären, es war ein Wunder, dass Chris‘ überhaupt ins Auto stieg. Der Stationsleiter empfing mich mit meinem Anliegen, woraufhin ich ihm von dem Vorfall erzählte und dass Chris* deswegen verständlicherweise nicht kooperativ sei und wir das jetzt irgendwie lösen sollten, wenn Chris* weiterhin die Tagesklinik besuchen soll. 

Der sagte mir doch glatt, ich müsse mich mehr durchsetzen bei Chris*. Er als Pädagoge wisse schließlich, was gut für das Kind sei. 

Wie bitte? Ich habe ihm gesagt, dann höre ich gerne seinen Vorschlag, wie ich das anstellen soll… ob ich ihn an den Ohren hierher zerren soll oder wie genau das aussehen soll, wenn ich mich „durchsetzen“ soll. Chris* hat schließlich Angst, weil Frau sowieso schroff mit ihm umgegangen ist und jetzt soll ich ihn also zwingen in die Höhle des Löwen zu gehen? Hallo und wo sind wir hier? 

(…)“ 

Eine berechtigte Frage!

Und hier haben wir es mit einer Mutter zu tun, die immerhin hinterfragt hat und im Vergleich zu vielen anderen Eltern selbstbewusst aufgetreten ist und sich darüber klar wurde, dass wo „Kindeswohl“ drauf steht, auch genau das Gegenteil drin sein kann.

Ich habe auch schon Geschichten gelesen, in denen Mütter über lange Zeit hinweg ihre schreienden Kinder gewaltsam in die Klinik gebracht haben im Glauben, das Beste für sie zu tun – was sich oft als Trugschluss herausgestellt hat, von ominösen „Festhaltetherapien“, die höchst traumatisierend sind, aber nach wie vor praktiziert und teilweise empfohlen werden, ganz zu schweigen.

Ja, was soll ich dazu sagen und es gibt heute keine konkreten Tipps, da dies ein sehr individuelles und empfindliches Thema ist… außer:

Du bist nicht alleine und es lohnt sich, auf das Bauchgefühl zu hören und Ratschläge von außen, die sich nicht gut anfühlen  – egal mit wievielen Doktortiteln und egal mit wievielen Jahren „Berufserfahrung“ untermauert – kritisch zu hinterfragen und die Augen offen zu halten für echte, gesunde Lösungen.

Nur was sich gut anfühlt, kann gut sein. Und nur was sich nach Hilfe anfühlt, kann echte Hilfe sein. So sehe ich es.

Hast Du eigentlich schon interessante (gute oder schlechte) Erfahrungen zu diesem Thema gemacht, die Du mit mir teilen möchtest?

Dann schreib mir gerne Deine Geschichte per Email an info@heliaconsulting.de, denn je mehr echte Fallbeispiele ich kenne, desto besser kann ich meine Beiträge schreiben und insbesondere Eltern hochsensibler Schulkinder, die leichter in der Psychofalle landen als andere, dazu inspirieren, neue Perspektiven zu bekommen oder mutige, unkonventionelle aber heilsame Wege zu gehen.

Viele liebe Grüße

Deine Katrin

Katrin Semm

ganzheitlich-syst. Coach

Bildungsmanagerin (M. A.)

zert. Kommunikationstrainerin

Comments 4

  1. Sabine Wurm
    9. Juni 2017

    Ich werde das Angebot sehr gerne nutzen und die unsere Geschichte, die meines jüngsten Sohnes, schreiben und erzählen. Sie darf sehr gerne, ohne Namensnennung, wiedergegeben werden. Ich sitze nun hier mit Tränen in den Augen und fühl mich grad so schlecht. Aber ich weiß warum und habe einen anderen Weg eingeschlagen. Vielen Dank für diesen großartigen Artikel! Liebe Grüße, Sabine Wurm

    1. 9. Juni 2017

      Wow! 🙂 Da bin ich gespannt, eure Geschichte zu Lesen bekommen. 🙂 Wenn ich mir so die entsetzten / überraschten / berührten Reaktionen anschaue, die ich die letzten Stunden bekommen habe, bin ich überzeugt, dass wir Frauen es mit einer Menge an positiver, weiblicher Energie hinbekommen, diese Welt für die Kinder und uns alle – zumindest in der Folge – zu einem besseren Ort zu machen, weil immer mehr merken SO geht es nicht und weil immer mehr die Würde ihres Kindes verteidigen. Es ist ja schonmal gut, wieviele Eltern – insbesondere Mütter – gerade aufwachen, hinterfragen und neue Wege suchen – zu Löwinnen werden.

  2. Manuela
    10. Juni 2017

    Dein Beitrag hat mich sehr berührt und ich kann dem nur zustimmen.

    Es liegt Viel Arbeit vor uns und mit dir werden es Gott sei dank immer mehr die sich dafür einsetzen das ein umdenken stattfindet.

    Ich kann nur empfehlen aus eigener Erfahrung die Kinder an freie Schulen anzumelden
    Oder frei zu unterrichten.

    Es bedarf viel an Aufklärung und umdenken von uns Eltern. Es ist zwar harte Arbeit aber es lohnt sich.

    Danke für deine Arbeit.

    Herzensgrüsse
    Manuela

    1. 11. Juni 2017

      Liebe Manuela,
      vielen lieben Dank für Dein Kompliment. Zusammen schaffen wir es, da ein neues und gesünderes Bewusstsein zum Wohle aller in die Welt zu bringen, so dass die übernächste Generation sowas nicht mehr erleben muss. 🙂 bin guter Dinge und auch froh, dass immer mehr Eltern neue Wege mit ihren Kindern gehen.

      Viele liebe Grüße

      Katrin

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